Analyse und Ausblick
Im Moment ist es nicht einfach, an der Börse voran zu kommen. Die Stimmung schwankt zwischen hemmungsloser Euphorie und Angst, und das ganze im Rhythmus weniger Tage.
Der DAX ist seit Mitte vorigen Jahres praktisch keinen Schritt voran gekommen, während die US-Märkte alle von einem Aufwärtstrend geprägt waren, der aber durch diverse Erschütterungen immer wieder unterbrochen wurde.
Die spannendste Entwicklung vollzieht sich an der Nasdaq. Der zugehörige Index Nasdaq100 wackelt in den letzten Wochen in der Nähe seines Allzeithochs. Der Markt weiß nicht, ob die KI- und SpaceX-Euphorie weiter anhält oder ob sich da inzwischen eine gewaltige Blase gebildet hat.

Chart: Nasdaq100, 18 Monate, 1 Kerze = 1 Tag, rot=GD200, blau=GD100, Trendlinien langfristig ab 2009 (grün), mittelfristig ab 2023 (pink)
Die Steilheit, mit der dieser Index im April und Mai nach oben geschossen ist, lässt sich gewiß nicht auf Dauer durchhalten. Aus meiner Sicht ist eine (kräftige) Korrektur überfällig. Die Umsatz- und Gewinnsteigerungen und die damit verbundenen Kurssteigerungen der Aktien waren bisher schon gewaltig. Und bekanntlich lässt der liebe Gott die Bäume nicht in den Himmel wachsen.
Ein wichtiges Thema ist natürlich weiterhin der Ölpreis, der seit dem Angriff der USA und Israels auf den Iran am 28. Februar dieses Jahres massiv in die Höhe geschnellt war. Mittlerweile überwiegt die Hoffnung auf eine Einigung, so dass der Preis für ein Barrel Brent von 120$ derzeit auf ca. 73$ gefallen ist. Das entspricht schon fast wieder dem Stand von vor einem Jahr. An den Tankstellen lässt man sich aber Zeit, diesen Preisrückgang abzubilden.

Chart: Preis Rohöl Brent in US$/Barrel, Trend seit Juli 2025
Einer der Märkte, die von den gestiegenen Ölpreisen besonders gedrückt wurde, ist der brasilianische Aktienmarkt. Der Bovespa fiel von fast 200.000 Punkten auf ca. 170.000 Punkte. Ich gehe davon aus, dass der Index nun bei sinkenden Ölpreisen wieder in den Aufwärtstrend zurückkehrt und die 15% Potential holt, die zum Allzeithoch fehlen. Daher bin ich im Wikifolio auch zu etwa 50% in einen verwandten Index investiert, den MSCI Brazil.

Chart: BOVESPA (Aktienindex Brasilien), 18 Monate, 1 Kerze = 1 Tag, rot=GD200, blau=GD100
Auch der Hype um die Edelmetalle ist jäh zu Ende gegangen. Gold, Silber und Platin kehren allmählich zu ihren langfristigen Trends zurück.
Gold ist von 5500$ in der Spitze auf nunmehr leicht über 4000$ pro Feinunze gefallen. Der Abwärtstrend scheint stabil und noch nicht am Ende angekommen. Silber hat sich seit dem Peak bei ca. 120$ pro Feinunze inzwischen wieder halbiert auf 60$. Und auch hier scheint die Abwärtsbewegung noch nicht abgeschlossen zu sein.

Chart: Goldpreis in US$ pro Feinunze, ca. 1 Jahr, 1 Kerze = 1 Tag

Chart: Silberpreis in US$ pro Feinunze, ca. 1 Jahr, 1 Kerze = 1 Tag
Zum Schluss noch ein Blick auf die Situation bei den Zinsen. Diese bestimmen ja mehr als jeder andere Indikator die Entwicklung der Wirtschaft. Steigende Zinsen sind Gift für Investitionen und immer ein frühes Warnzeichen für mögliche Kursrückgänge. Gerade bei den US-T-Bonds ist das deutlich zu sehen. Die kräftige Inflation in den USA aufgrund der gestiegenen Rohölpreise lässt der FED vermutlich wenig Spielraum. Die letzte Entscheidung war, die Zinsen konstant zu belassen. Der Markt weiß es aber immer besser: die Renditen für Kurzläufer-Anleihen (1 Jahr, 2 Jahre, 5 Jahre) sind inzwischen eben seit März spürbar gestiegen.

Chart: Renditen für US-Treasury-Bonds (US-Staatsanleihen); schwarz=1-jährige, blau=2-jährige, rot=5-jährige, grün=10-jährige, braun=30-jährige
Spannend wird nun die Frage, wie schnell die nunmehr sinkenden Ölpreise in der Realwirtschaft ankommen und ob der Anstieg der Verbraucher- und Erzeugerpreise nur vorübergehend war und wir jetzt wieder zurückkommen. Allein das könnte dazu führen, dass die Zinsen wieder sinken und die Vorzeichen für die Aktienmärkte sich wieder drehen.
Fazit:
Die US-Märkte sind bereits sehr teuer und es mehren sich die Warnzeichen in Form von abnehmender Marktbreite und steigenden Zinsen. Auch das Momentum gerade der Tech-Werte, die in den letzten Wochen massiv gestiegen sind, lässt inzwischen spürbar nach. Durch die Entkopplung der Tech-Werte von der Realwirtschaft, die wir mittlerweile sehen, halte ich es für denkbar, dass die Nasdaq vor einer Korrektur steht, die „klassischen“ Indizes aber durchaus von fallenden Ölpreisen profitieren. Denkbar wäre, dass große Investoren umschichten aus den stark gestiegenen Tech-Werten in die klassischen Werte des übrigen Marktes.
Sollten jedoch die Renditen der US-T-Bonds weiterhin steigen und sollte am Ende die FED sogar einen Zinsschritt nach oben wagen, würde es für die Aktienmärkte insgesamt schwierig werden. Ein stabiles Börsenumfeld sieht jedenfalls anders aus.
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